WAAAS? Kein Sex vor der Ehe?

Der Autor möchte namentlich nicht genannt werden


©Gabriele Rasenberger



Kein Sex vor der Ehe!? Eine verklemmte Sexualmoral oder doch ein guter Ratschlag? Aus eigener Erfahrung möchte ich hierzu ein paar Gedanken loswerden.


Auf den ersten Blick, das gebe ich selber zu, mag dieses Gebot als „etwas aus der Zeit gefallen“ erscheinen; aus einer Zeit der Doppelmoral und Verklemmtheit, aus einer Zeit, in der man sich für vielleicht auch das Leibliche geschämt hat – obwohl doch unser Leib etwas Wunderbares ist. Denn mit ihm können wir riechen, schmecken, sehen, fühlen und erleben! Ja, wir „wohnen“ in unserem Leib! Und in guten christlichen Sinn sprechen wir auch vom Leib als Tempel des Heiligen Geistes (vgl. Bibel 1. Kor. 6, 19). Damit kann unser Leib also nichts Schlechtes haben, sondern er ist durch und durch gut – auch im geschlechtlichen Sinn. Also ist auch die Geschlechtlichkeit nichts, für das wir uns schämen brauchen.

Und auch der geschlechtliche Verkehr hat erst einmal nichts Schlechtes; schließlich sind wir alle(!) daraus hervorgegangen… Kurzum: Ohne Sex wären wir alle nicht hier; nicht einmal der Papst!


Was soll das also, mit der ganzen kirchlichen Sexualmoral (die sich in gleicher Weise ja nicht nur in der römisch-katholischen Kirche findet, sondern in vielen christlichen Denominationen sowie auch in anderen Religionen, Weltanschauungen und Wertesystemen)?


Nun, da lohnt es sich, etwas genauer hinzusehen: Was wird denn überhaupt genau gesagt und warum wird das gesagt?


Z. B. bei der Regel „Kein Sex vor der Ehe“. Hier sagt die Kirche nicht: „Kein Sex“, sondern „Kein Sex VOR der Ehe.“ Oder mit anderen Worten formuliert: In der Ehe darfst du mit Deinem Partner, deiner Partnerin Sexualität leben! Die Ehe ist der Raum, in dem Du sie mit voller Freude und in Freiheit genießen kannst!

Denn im Ehebund begegnen sich zwei Menschen, die idealerweise JA zueinander gesagt haben; die einander zugewandt sind und sich so akzeptieren, wie sie sind. Hier begegnen sich Menschen, die einander zugeneigt sind. Und wenn sich diese Menschen sexuell begegnen, so ist das frei von Leistungsdruck und tatsächlich ergänzt um hingebungsvolles Geben und Empfangen (vgl. auch Theologie des Leibes von Papst Johannes Paul II.)


Denn Sexualität kann uns Menschen, und das bestätigen auch Psychologen, ganz schön unter Druck setzen: Selbstzweifel, Leistungsdruck, der Druck einem Ideal zu entsprechen können ganz schön an einem nagen. Ich denke, davon können einige berichten (wenn sie sich denn trauen).

Doch bei einer ehrlichen Betrachtung kann nur zugegeben werden, dass solches in einer guten und ehrlichen Ehe eigentlich nicht vorkommen kann – denn in einer Ehe, in der wir ja ein umfassendes JA zum anderen Menschen gesagt haben, können wir uns fallen lassen. Denn wir müssen keine Rolle spielen. Das ermöglicht ein viel befreiteres sexuelles Erleben.


Ein anderer Aspekt ist es, sich vielleicht auch ausgenutzt zu fühlen. Wollte der/die andere nur Sex mit mir? Oder war der/die andere heute nur so nett, weil es auf Sex herauslaufen sollte?

Auch das kommt in einer Ehe nicht so leicht vor, als außerhalb der Ehe, wo man viel unverbindlicher sich wieder einmal nicht mehr trifft.


Sexuelles Erleben in der Verbindung in der man also umfassend und auf Dauer JA zueinander gesagt hat (also die Ehe) ist also befreit von allem, was sonst niederdrücken oder gar verletzen kann.


Nun gut, jetzt können wir auch einwenden, dass das (also dass Sexualität in der Ehe besser und ehrlicher ist als außerhalb der Ehe) ja noch kein Grund sei, vor der Ehe überhaupt gar keinen Sex zu haben.


Nun, auch hier -und da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen*- ist es lohnenswert, sich mit der Dimension von Sexualität auseinanderzusetzen.


Sexualität kann etwas sehr Verbindendes haben; kommen wir doch in einer Art und Weise zusammen, wie wir es nicht mit jedem praktizieren… Das ist schon etwas sehr sehr Vertrautes und Persönliches; man kann auch sagen, etwas Heiliges.

Wenn wir nun so etwas miteinander teilen, zu was führt das? Was macht es mit einem, wenn man miteinander so innig wird? Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass das ein unheimliches Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen kann. Aber hier liegt schon die Crux: Eben „nur“ ein Gefühl. Ob die Zusammengehörigkeit aber wirklich gegeben ist, ist damit aber nicht beantwortet. Es kann also tatsächlich passieren, dass zwei Menschen dann einen Weg miteinander gehen, die gar nicht miteinander gehen sollten – sich aber aufgrund der gemeinsam erfahrenen Sexualität so verbunden und vertraut fühlen, dass sie sich eben doch auf den weiteren Weg wagen. Doch früher oder später platzt dann die Blase des guten Gefühls und man merkt immer mehr, dass man gar nicht so gut zusammen passt. Doch dann kann es sein, dass aber bereits schon geheiratet wurde und/oder sogar Kinder da sind. Und eine Trennung mit Kindern ist immer etwas Leidvolles – für alle Beteiligten.


Wenn wir also das eben gesagte nun einfach mal so stehen lassen und zumindest für den Augenblick akzeptieren, so ergibt die Empfehlung, Sex erst einmal nicht zu machen, bevor man nicht zueinander JA gesagt hat, durchaus Sinn.


Solche Lehren also, wie die, dass Sexualität eine Sache für die Ehe ist, zielen also eigentlich in liebevoller Weise darauf ab, den Menschen würdevoll wahrzunehmen. Als Mensch, der es verdient, nicht ausgenutzt zu werden, der es verdient, nicht unter Druck zu stehen, der es verdient, frei zu sein, der es verdient, geliebt zu sein, der es verdient, diese Liebe auch mit den Sinnen erfahren zu dürfen.


(Nachtrag: Natürlich ist es auch eine ganz wichtige Dimension, dass Kinder aus der Geschlechtlichkeit hervorgehen können. Auch da bietet die Ehe den Raum, davor keine Angst zu haben sondern ganz im Gegenteil: Wenn man bedenkt, dass da ein neuer Mensch entsteht, der sozusagen von beiden Partnern kommt, dann ist das doch das Wunderbarste! Und dann werden die Kinder auch hineingeboren in ein Elternhaus, in dem beide Eltern da sind – und zwar Eltern, die füreinander da sind, weil sie JA zu sich gesagt haben; ungetrübt von vielleicht falsch verstandenen Zusammengehörigkeitsgefühlen. Also auch das ist eine ganz besondere Dimension dieses Themas.)


* Der Autor ist männlich und glücklich verheiratet. Vor der jetzigen Ehe war er schon einmal verheiratet – diese Ehe ging aber nach kurzer Zeit auseinander und wurde auch kirchenrechtlich annulliert.

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